Über das Leiten und Führen

Leiter, Führer & Vorgesetzter

Zur Einleitung dieses kleines Exkurses drei Zitate:

Es ist unmöglich, einen zum Führer zu machen, wenn er keiner ist, denn er muß dazu geboren sein. Unsinnig ist es, den Ehrgeiz aufzustacheln, um gute Führer zu bekommen. Wer Führer ist, wird sich trotz aller Hemmungen durchsetzen. – Ludwig Voggenreiter, 1919

Treue, propagierte Treue, ist eine Altersversicherung für Führer. – tusk 1931

Der Bund selbst war eine autoritäre, keine demokratische Institution, er gründete sich auf das Führerprinzip, es hätte auch gar nicht anders sein können. – Walter Z. Laquer, 1962

aufgabe_kursDiskutiert darüber! Was macht einem zum Führer einer Gruppe? Wie Verhält sich das Zitat von Laquer zu unserer Auffassung über unseren Stammesrat? Was meint ihr ist der Unterschied zwischen Führer und Leiter? Kann es einen Sippenleiter geben? Kann der Sippenführer immer nur der autoritäre Führer seiner Sippe sein?

Über das Leiten und Führen…

In diesen Skripten wurde häufig von Führung gesprochen und der Begriffs des Führers verwendet – in der Sippenarbeit begegnet uns täglich der Sippenführers – dennoch kann der Begriff des Führers seit der Zeit jenes einen „Führers“ in Deutschland nicht mehr vorbehaltlos benutzt werden – so spricht man beispielsweise in Pressemitteilungen i.d. Regel von Gruppenleitern, um Mißverständnisse vorzubeugen. Das aber diese Worte in der bündischen Jugendbewegung auch ohne distanzierende Anführungsstriche stehen, sollte wohl erklärt werden:

Von Anfang der Wandervogelbewegung an waren es vorallem einzelne Persönlichkeiten, welche die Jugendbewegung geprägt und entwickelt haben. Jugendliche suchten sich Vorbilder und Ideen, an denen sie sich orientieren und an denen sie sich messen konnten – mit denen sie sich aber auch kritisch auseinandersetzen konnten, oder sie schließlich gar ablehnen konnten. Solche Persönlichkeiten wie Fischer, Breuer, Wyneken, die Oelbermänner, Buske oder tusk, waren die Führer und Präger der bündischen Jugendbewegung – oder sollten es zumindest sein. (siehe Pfadf.Gesch. & Gesch. der deutschen Jugendbewegung). Sie alle verkörperten auf sicherlich unterschiedlicher Weise den Typus des „charismatischen Führers“, der durch seine „persönliche Überzeugungskraft“, Ausstrahlung und Willen andere gewinnen, für seine Ideen begeistern und mitreißen konnte. (->Motivation).

Diese Art von Führung im positiven Sinne hat nichts mit dem blinden „Führer befiel, wir folgen dir“ eines Diktators wie Hitler, Mussolini o.a. gemeinsam: „Als Karl Fischer die Realität aus dem Auge verlor und seine Macht mit niemanden mehr teilen wollte, war er längst gescheitert. Wyneken mußte schmerzhaft feststellen, daß die Freideutschen nicht gewillt waren, alle seine Auffassungen zu teilen – und auch tusk folgte kaum einer auf seinem Weg zum Kommunismus.“ (aus: jugendbewegung für anfänger).

Zurück zur Pfadfinderbewegung: Obwohl der Gründer der weltweiten Pfadfinderbewegung, Baden-Powell, ein hoher Militär war und auch sein erstes „Pfadfinderbuch“ für Soldaten bestimmt war „Aids for Scouts“ (übrigens weit vor den Zeiten einer HJ oder eines Weltkrieges), stellte er selbst heraus: „Mit der Pfadfinderei ist keine militärische Auffassung verbunden.“ (aus: Der Wolf, der nie schläft).

Der jugendbewegte Führer sollte wie ein älterer Freund auftreten. Er sollte seine Sippe, seinen Stamm oder Bund formen und prägen, sich beteiligen und einsetzen, neue Möglichkeiten eröffnen und als Erfahrener mit Rat & Tat Neulingen zur Seite stehen. Das Verhältnis sollte nicht von Macht und Gehorsam geprägt sein – vielmehr sollte sollten Verantwortung, Verständnis und gegenseitiges Vertrauen im Vordergrund stehen.
„Inwieweit das Bild vom `Führer` dennoch anfällig für Diktatur und Faschismus sein konnte. Sei hier nur als Frage gestellt. Daß längst nicht alle Führer der Jugendbewegung dem selbstgestellten Anspruch gerecht wurden, liegt auf der Hand“. Das Führerprinzip stellt auch heute noch eine wichtige Säule des Wandervogels und vor allem der Bünde dar. Ohne die Intensität der Beziehung zwischen Horten- oder Sippenführern, Ordens-, Bundes- oder Stammesführern und seinen Leuten konnte und kann bis dato keine jugendbewegte Gruppe existieren. „In diesem Sinne wird hier das Wort >>Führer<>leiten<>führen<<. “ (aus: jugendbewegung für anfänger).

Natürlich wird in der Öffentlichkeit meistens von Gruppenleitern gesprochen – und die Aufgaben eines Stammesführers oder Stammesleiters sind die selben – doch wird in der kleinen Gruppe (Kleingruppenprinzip nach B.P.) wohl die Funktion des „Gruppenleiters“ als Führer am deutlichsten: Der Sippen-, Meuten- oder Hortenführer – im direkten Kontakt zu seinen Gruppenmitgliedern – ist derjenige, welche eine Gruppe nicht nur leitet, sondern auch führt, prägt und formt (Während ein Trupp- oder Stufenführer hauptsächlich organisatorische Dinge im Hintergrund erledigt, ist der Sippenführer von der Sippe gefragt und gefordert, wenn’s auch bei schlechtem Wetter und leeren Magen durch die Pampa geht…).

„Die jugendbewegten Bünde folgten meist einer Art Ausleseprinzip bei der Aufnahme ihrer Mitglieder. Üblicherweise war dieses nicht in Statuten festgelegt, sondern eine Frage der emotionalen Zuneigung: Paßt es (sie) in die Gruppe? Ist er (sie) sympathisch? Fügt er (sie) sich ein? – So waren die jugendbewegten Gruppen in der Regel ein echter Freundeskreis. Ohnehin war es damals weitaus schwieriger als heute, in einer jugendbewegten Gruppe aufgenommen zu werden. Ein der Führer scharte „seine“ Leute um sich, Mitglieder wurden „gekeilt“, das heißt, von einem Gruppenmitglied direkt angesprochen. Einfach mal hingehen oder sich irgendwo anmelden, reichte damals noch nicht aus. Manchmal gab es aber auch regelrechte Prüfungen, die ein Neuling zu bestehen hatte: Probezeit und feierliche Bundesaufnahmen durch Halstuchverleihungen förderten das Gefühl des einzelnen, einer besonderen Gemeinschaft anzugehören. Diese Form der Auslese war wichtig für den Zusammenhalt und das Fahrten- und Bundesleben. Denn das Gefühl der Gemeinschaft, der Zusammengehörigkeit, aber auch das Bewußtsein, einer verbindlichen Idee anzuhängen, half über manche Krise hinweg.“ (Zitat aus: jugendbewegung für anfänger, S.77/78).

Zur Sippenführung

DIE SIPPENMITGLIEDER IHRE WICHTIGKEIT WISSEN LASSEN; SIE AN ENTSCHEIDUNGEN TEILNEHMEN LASSEN; SIE UM RAT FRAGEN; VERTRAUEN HABEN UND VERTRAUEN ZEIGEN.

  • – Information ist Macht: Wer sich davon nicht trennen kann, ist unfähig zu führen.
  • – Nur wer mitdenkt, weil er mit-denkt, darf, kann und soll richtig mit-handeln und mit-arbeiten
  • – Auch töricht erscheinende Fragen ernst nehmen und ernsthaft beantworten
  • – Anregungen und Kritik der Sippenmitglieder ernst nehmen und sie von sich aus anreizen
  • – Der SiFü muß Zeit haben für seine Sipperlinge, jeder Zeit, jeder Ort
  • – Aufgaben in der Sippe so übertragen, daß sie nicht als Last, sondern als Bestätigungsmöglichkeit des eigenen Wertes empfunden werden.
  • – Verantwortung so weitgehend wie möglich nach unten weitergeben, und sei sie noch so klein: „Auf mich kommt es an !“
  • – Tüchtige und eifrige Sipperlinge wollen Verantwortung (-> Sippenämter, etc.) tragen: Wird sie ihnen verweigert, werden sie im tiefsten Kern unzufrieden.
  • – Nur wer Vertrauen gibt, kann Vertrauen ernten
  • – Delegation und Verantwortung ist hochgradig ein psychologisches Problem: Sie bedeutet Verlust an „Macht“. Ihn zu tragen muß man fähig sein.

Buchtipp

jbfaJugendbewegung für Anfänger
von Florian Malzacher (brasparts)
mit zahlreichen Zeichnungen von Matthias Daenschel (calados)
„Wo kommen wir eigentlich her, wer weiß es noch…?“ heißt es in einem Lied. Wer sich heute auf diese Frage einlässt und dann auf dem Fachbuch-Markt nach griffigen Antworten sucht, der steht vor einem gewaltigen Bücherberg. Er oder sie würde wohl angesichts der inzwischen vorhandenen Masse an Erinnerungsliteratur, dickleibigen Dokumentationen und wissenschaftlichen Untersuchungen schnell resignieren, wenn es da nicht das Buch „jugendbewegung für anfänger“ gäbe, das hier nun wieder – nachdem es lange Zeit vergriffen war – in zweiter, überarbeiteter und ergänzter Auflage vorliegt. Die Verfasser nehmen darin den Leser in höchst anregender Weise mit auf eine Wurzelsuche nach den Ursprüngen, Entwicklungsschritten, Verlaufsformen, aber auch Eigentümlichkeiten dessen, was alles unter dem Oberbegriff „Jugendbewegung“ in den vergangenen gut einhundert Jahren zu finden war und ist. Eine pointierte, gut lesbare Einführung, die auch für Fortgeschrittene jede Menge Anregungen gibt.

205 Seiten | 24 x 16,8 cm Broschur | 14,80 € beim verlag der jugendbewegung

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